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Freie Presse vom 25.05.2005 Im Folgenden veröffentlichen wir den Original-Inhalt des Interviews. Im Artikel der Freien Presse vom 25.05.2005 wurde stellenweise gekürzt, weil nicht genug Platz für den vollständigen Text zur Verfügung stand.
Debatte um Gehölze und Totholz lenken von Hochwasser-Problemen ab Der Chef des Naturschutzverbandes Freiberg Tobias Mehnert reagiert auf die Debatte Natur- kontra Hochwasserschutz - Rückbau des Falkenauer Wehres ist geplant
Die
Stadträte von Flöha kritisieren übertriebenen Naturschutz an der Flöha
bei Falkenau. Welche Gefahren gehen für den Hochwasserschutz von diesem
Gebiet aus ? Tobias
Mehnert: Überhaupt keine. Vielmehr ist dieser Abschnitt der Flöha
der bedeutsamste Hochwasserausbreitungsraum
vor den Toren der Stadt. In diesem Gebiet wird die Kraft des Wassers
erheblich gemindert. Die Flöhaaue bei Falkenau verkörpert den Prototyp
einer hochwasserkonfliktfreien Flußlandschaft.
Sie stellt damit ein vorbildliches Beispiel richtig verstanden
Hochwasserschutzes dar. Und
was passiert mit den Bäumen entlang des Flusses - stellen diese nicht
bei Hochwasser eine Gefahr für die Stadt Flöha dar ? Tobias
Mehnert: Natürlich nicht. Im direkten Überschwemmungsbereich der
Flöha wachsen natürlicherweise Erlen und Weiden. Diese Gehölze
sichern das Ufer und bilden im Bestand den klassischen Auwald. Wie ein
Filter halten Auengehölze Schwemmgut gleich welcher Art zurück.
Beseitigt man nun diese Gehölze oder unterbindet deren Ausbreitung,
beraubt man den Fluß-Unterlieger seines natürlichen Schutzes bei
Hochwasser. Und mal ganz ehrlich - sind die Gefahren, die z.B. von
abgetriebenen Autos, Gartenhäusern, Lagerhallen oder umstürzenden
Behelfsbrücken ausgehen nicht um ein Vielfaches höher ? Ich habe noch
keine Erle oder Weide gesehen, die
an der Steg- oder Kirchbrücke zu einem Aufstau oder einer
Bauwerksgefährdung geführt hätte.
Wie
schätzen Sie die gegenwärtige Diskussion um den Hochwasserschutz in Flöha
ein ? Tobias
Mehnert: Ich bedauere, daß die gute Vorarbeit des
Hochwasserbeirates von Flöha aktuell keine Fortsetzung erfährt. Die
Debatte um Gehölze am Flußufer und Totholz in der Aue lenkt ab von den
eigentlichen Hochwasser-Problemen der Stadt ... Die
z.B. wären ...? Tobias
Mehnert: 1. Der Komplex Auenstadion und Gymnasium verhindert im
Hochwasserfall ein schnelles Abfließen von Flöha und Zschopau.
Entsprechend länger verweilt das Wasser im eigentlichen Stadtgebiet. 2.
Sollte es zum Bau der geplanten Ortsumgehung durch die Flußaue bei
Falkenau kommen, wird der wichtigste Retentionsraum mittels Damm
erheblich verkleinert und der Rückstau für die bebaute Ortslage
Falkenau erhöht. 3. Anstatt planungsrechtliche Voraussetzungen zu
schaffen, den Flüssen im Stadtgebiet mehr Raum zu geben, hält die
Stadt an den Bebauungsplänen im Mündungsbereich der Zschopau und am
alten Kläranlagenstandort fest. 4. Angesichts der zu erwartenden Bevölkerungsentwicklung
wäre es auch sinnvoll, für die nächsten 20 Jahre einen schrittweisen
Rückbau vieler Gebäude im unmittelbaren Auenbereich wie z.B. der
Industriebrache Gückelsberg oder das Anfang der 70 er Jahre entstandene
Neubaugebiet an der Lessingstraße planerisch vorzubereiten.
Sie waren zum zum Einwohnerforum zur Ortsumgehung Flöha. Werden Sie den Klageweg beschreiten? Tobias Mehnert: Der Naturschutzverband Freiberg e.V. wird alle seine Klagemöglichkeiten nutzen. Als Grundstückeigentümer und Naturschutzverband geben wir keine Zustimmung zur Inanspruchnahme der Flußaue bei Falkenau für Straßenbauzwecke. Es gibt erheblich kostengünstigere Lösungen zur Klärung der innerörtlichen Verkehrsprobleme. Diese zu erschließen und zu organisieren ist Aufgabe der öffentlichen Verwaltungen. Es ist auch nicht unsere Aufgabe, der Staatsbürokratie in Sachsen Wege aufzuzeigen, wie man 4 Mio. € für die alternativen Verkehrslösungen organisiert und dem Bundeshaushalt dadurch mindestens 32 Mio. € einspart. Im übrigen verbietet es die ökologische Einzigartigkeit der Flußaue bei Falkenau, durch diese eine Straße zu bauen. Wie richtig wir mit unserer Argumentation liegen, mag die Tatsache belegen, daß die von der Genehmigungsbehörde veranlaßte Überarbeitung der Planunterlagen von DEGES bis heute nicht abgeschlossen wurde. Und mit jedem weiteren Monat sinken die Möglichkeiten, daß die Bundesrepublik 36 Mio. € für ein zweifelhaftes Straßenbauprojekt noch aufbringen kann ...
Als Naturschützer müßten Sie doch für alternative Energien wie Wasserkraft sein. Warum sträuben Sie sich dagegen? Tobias Mehnert: Wasserkraft ist keine Alternative für den Energiebedarf der Industrienation Deutschland. Bis 1999 wurden in Sachsen 240 Wasserkraftanlagen reaktiviert. Mit ganzen 0,571 % waren diese 240 Wasserkraftanlagen an der Elektroenergieerzeugung beteiligt. Deren Beitrag zum Klimaschutz ist ebenfalls marginal. Wie aus einer Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung hervorgeht, sind 4633 kleine Wasserkraftanlagen der Bundesrepublik mit 0,09 % an der CO2-Reduzierung in Deutschland beteiligt. Umgerechnet auf Sachsen macht dieser Anteil 0,0046 % aus. Wer also kleine Wasserkraftanlagen als Alternative für die Stromerzeugung in Deutschland propagiert, dokumentiert mangelhafte Wirtschaftskompetenz. Oder aber er will das Land auf das Entwicklungsniveau eines Agrarstaates bringen.
Die
Wasserkraftanlage Gückelsberg muß den Betrieb einstellen, am Plauer
Wehr soll eine neue Wasserkraftanlage entstehen - welche Haltung nimmt
der Naturschutzverband Freiberg dazu ein ? Tobias
Mehnert: Wasserkraftanlagen beeinträchtigen die Natürlichkeit der
Fließgewässer erheblich. Die Wehre stellen auch keine Maßnahme des
vorbeugenden Hochwasserschutzes dar. An diesen massiven Querverbauungen
wird bei Hochwasser die Energie des Wassers erheblich erhöht, was zu
verstärkten Schäden im direkten Umfeld und darunter liegend führt.
Wir begrüßen entsprechend die längst überfällige
Entscheidung zur Schließung von Gückelsberg. Das Plauer Wehr ist für
den Hochwasserschutz natürlich ebenso nicht notwendig. Notwendig ist
diese Gewässerverbauung einzig und allein für den Sportbetrieb des
Kanuvereins. Wehre
erhöhen aber doch auch den Grundwasserstand ... Und wer soll den Rückbau
der Wehre bezahlen ? Tobias
Mehnert: Der Mensch greift auf vielfältige Weise in den
Grundwasserstand ein. Wenn ein künstlich geschaffener Wasserstand auf
sein natürliches Niveau abgesenkt wird, ist das aus ökologischer Sicht
nur folgerichtig, da so der größte Natürlichkeitsgrad erreicht wird.
Die vielbeschriebene Gefahr möglicher Setzungserscheinungen an
baulichen Anlagen wirkt nur im unmittelbaren Umfeld des Anstaus. Im übrigen
ist ein hoher Grundwasserstand für die Gebäudesubstanz eher schädlich,
so daß die Vorteile mögliche Nachteile überwiegen sollten.
Die
Kosten für den Wehrrückbau werden von der Wasserbaulobby und den
Wasserkraftbetreibern aus ganz persönlichen, monetären Interessen
heraus hochgerechnet. Erstere wollen am Bau/Rückbau verdienen und
letztere möchten ihre Stromgewinnungsanlagen sichern. Der
Naturschutzverband Freiberg steht jedenfalls in den Startlöchern, den Rückbau
der Wehre an den Flüssen der Region zu organisieren ... Können
Sie dafür ein Beispiel nennen ? Tobias Mehnert: Wir beschäftigen uns seit geraumer Zeit mit dem Rückbau des Wehres in Falkenau. Mit der Beseitigung dieser Querverbauung würde die Durchgängigkeit der Flöha wiederhergestellt und die Rückstauerscheinungen für die Ortslage Falkenau erheblich gemindert werden. Und wenn keiner den Rückbau des Wehrs in Gückelsberg organisieren möchte, würden wir vor dieser Aufgabe auch nicht zurückschrecken ...
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