
|
Die Mythen des Verkehrs - der Bundesverkehrswegeplan & Co. Es
ist an der Zeit, angesichts des ungebremsten Straßenbauwahns einige hartnäckige
Mythen über Straßenbau, Verkehr, Wirtschaftskraft und Umweltschutz sowie
deren Handlungsinstrument Bundesverkehrswegeplan anzusprechen und als solche
– und nicht als Tatsachen - zu entlarven. Dabei sollen hier weniger
Argumente des Natur- und Umweltschutzes herangezogen werden. Denn
weder fördert heute noch in Deutschland der Bau einer Straße die
Wirtschaftskraft der daran angebundenen Region, noch entlastet Straßenbau
den Verkehr und die Verkehrsteilnehmer. Im Gegenteil, Straßenbau erzeugt
neuen Verkehr und die durchschnittliche Fahrtzeit aller Verkehrsteilnehmer
bleibt konstant – es werden nur die zurückgelegten Wege länger. Von
daher ergeben sich auch keine Verbesserungen der Umwelt. Nicht selten führt
dieses Denken und Bauen zum ökonomischen Ausbluten einer Region durch eine
höhere Anzahl von Pendlern und die Verlagerung von Wirtschaftsstandorten in
Billig-Länder. Ein
großer Teil der nachfolgenden Argumentation wurde einer Gruppe unabhängiger
Verkehrswissenschaftler übernommen (http://www.verkehrswissenschaftler.de),
die sich zur Aufgabe gemacht haben, verkehrspolitische Themen auf
wissenschaftlicher Grundlage unabhängig von der Verkehrslobby zu bearbeiten.
Ein weiterer umfangreicher Teil speist sich aus dem Thesenpapier „Vom
Wunschzettelansatz zum integrierten Verkehrskonzept“
von Susanne Krohn, Mitglied des Sachverständigenrates für
Umweltfragen für die Bundesregierung sowie weiteren Institutionen.
Zitate aus den angegebenen Quellen sind farbig markiert. |
||
|
Es
hat sich (bisher) in den neuen Bundesländern herausgestellt, dass
Strukturpolitik durch Investitionen in die Infrastruktur wenig
gefruchtet hat. Vermutlich ist das Scheitern der »Strategie der
infrastrukturellen Vorleistung« dem Umstand zuzuschreiben, dass
im verstärkten Standortwettbewerb um Investoren und Unternehmen
eine gute Infrastrukturausstattung als selbstverständlich
angenommen wird. Gerade im Verkehr ist dies deutlich, weil in
Deutschland und in großen Teilen Europas beinahe alle
Wirtschaftsstandorte auf gute Anbindungen auf der Straße, auf der
Schiene und auch in der Luft verweisen können. Komparative
Vorteile aus einer vorzüglichen Verkehrsinfrastruktur zu ziehen,
kann kaum gelingen, wenn die Verkehrsanbindungen überall gut sind. |
||
|
Das bestätigt auch eine von Bündnis 90/Die Grünen herausgegebene Studie
"Jobmaschine Straßenbau?" Stand 2007, die für Sachsen und
Thüringen ein klares Fazit
zieht: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Fernstraßenausbau und
der Gewerbe-Entwicklung bzw. der Höhe der Arbeitslosigkeit. Entlastet weiterer Straßenbau den Verkehr?Klare Antwort: Nein, im Gegenteil. |
||
|
Der Straßenbau führt zu einer starken Zunahme des Verkehrs und
ist in den nächsten Jahren die mit Abstand wichtigste
Bestimmungsgröße für die Verkehrsentwicklung. |
||
|
Diese
Aussage in einem von VW finanzierten Projektbericht von acatech, einer
1997 gegründeten Vereinigung von etwa 200 Wissenschaftlern, muss
als sensationell bezeichnet werden, denn die konservative
Verkehrswissenschaft hat bisher jeden Einfluss des Straßenbaus
auf das Verkehrswachstum geleugnet. |
||
|
|
||
|
Die im Verkehr zugebrachte Zeit hat sich im Laufe der Jahre leicht erhöht. Dies wurde in umfangreichen Untersuchungen unter anderem von Socialdata, München, erforscht. Die durchschnittlich von den Verkehrsteilnehmern im Verkehr zugebrachte Zeit ist insbesondere unabhängig von der Geschwindigkeit der benützten Verkehrsmittel und wird als Reisezeitbudget bezeichnet. |
||
|
|
||
|
Das Reisezeitbudget von aktiven Berufstätigen liegt im Durchschnitt bei 90 Minuten pro Tag. |
||
|
|
||
|
Bereits
seit Jahren weist die Gruppe unabhängiger
Verkehrswissenschaftlicher darauf hin, dass sich bei der
Überprüfung der Bundesverkehrswegeplanung gezeigt hat, dass
der induzierte Verkehr nicht oder nur unzureichend berücksichtigt
wird. Dies führt zu gravierenden Fehlern, die einen hohen
volkswirtschaftlichen Nutzen von Straßenbaumaßnahmen
vortäuschen, den es in Wirklichkeit nicht gibt. |
||
|
|
||
|
Es ist bekannt, dass
Straßenbauprojekte schöngerechnet werden, um die
Finanzierung durch die Steuerzahler zu sichern und die Proteste von
Umweltschützern in Grenzen zu halten. Ziel des vorliegenden
Kommentars ist die Klärung der Frage, wie stark die Projekte des
Bundesverkehrswegeplans 2003 schöngerechnet sind. Für ein
Beispiel wird gezeigt, dass die weitgehende Vernachlässigung des
induzierten Verkehrs bei starker Belastung die
Nutzen-Kosten-Verhältnisse um den Faktor 3 erhöht. Wenn man
zusätzlich die zu niedrig angesetzten Baukosten und den zu
niedrigen Zinssatz von 3 % berücksichtigt, dann ergibt
sich ein um den Faktor 5 überhöhtes
Nutzen-Kosten-Verhältnis. Man muss damit rechnen, dass man die
schöngerechneten Nutzen-Kosten-Verhältnissen des
BVWP’03 bei stark belasteten Netzen durch den Faktor 5 dividieren
muss, um zu realistischen Nutzen-Kosten Verhältnissen zu kommen.
Viele Projekte des BVWP’03 lassen sich dann volkswirtschaftlich
nicht mehr rechtfertigen. Da das Umweltbundesamt bisher davor
zurückgeschreckt ist, die Schönrechnerei beim
Bundesverkehrswegeplan 2003 offen zu legen, kann man nur auf die
Durchsetzung realistischer Nutzen-Kosten-Rechnungen hoffen, wenn
Finanzminister oder Rechnungshöfe als Auftraggeber gewonnen werden. |
||
|
Der Zeitgewinn ist gleich Null, der Verkehr wächst aber.
|
||
|
Die
Entscheidungsverflechtungen zwischen Bund und Ländern im Rahmen
der Erarbeitung des BVWP begünstigen sowohl ökologisch aus
auch ökonomisch kontraproduktive Fehlallokationen der
Investitionsgelder (SRU 2005, Tz. 399 f.). Die Tatsache, dass bei der
Bedarfserhebung für den BVWP auf die Projektanmeldungen der
Länder abgestellt wird, führt dort zu erheblichen
„Mitnahmeanreizen“. In Konkurrenz um die Zuweisung von
Bundesmitteln unterliegen die Länder in erheblichem Maße der
Versuchung, einen überzogenen und von der Zielsetzung der
Bundesverkehrswegeplanung nicht gedeckten Bedarf anzumelden. Wie auch
der Bundesbeauftragte für Wirtschaftlichkeit in der Verwaltung
hervorgehoben hat, reduzieren sich die Ländermeldungen im Bereich
Straße nicht auf Infrastrukturmaßnahmen, die in
Übereinstimmung mit § 1 Abs. 1 Bundesfernstraßengesetz
dem überörtlichen, also weiträumigen Verkehr dienen
sollen (BWV 2004). Vielmehr werden auch Strecken mit regionaler
Verbindungs- und Entlastungsfunktion angemeldet. Die enge Verflechtung
von Bund und Ländern bei der Aufstellung des BVWP birgt die
Gefahr, dass im Auswahlverfahren erheblicher politischer Druck
zugunsten einer großzügigeren Handhabung der
Bedarfsfeststellungen und einer länderparitätischen
Mittelverteilung losgelöst von den tatsächlichen
Investitionsbedürfnissen ausgeübt wird. |
||
|
|
||
|
Das
Verfahren zur Erstellung des BVWP leidet unter erheblichen
Transparenzdefiziten (SRU 2005, Tz. 401). Die Bedarfanmeldungen der
Länder werden im Regelfall keiner öffentlichen Diskussion
unterzogen. Auch die Daten, die der Bewertung und Auswahl der einzelnen
Projekte im Rahmen der Aufstellung des BVWP zugrunde liegen, sind der
Öffentlichkeit nicht in hinreichendem Maße zugänglich.
So reduzierten sich die Informationen der Bundesregierung bzw. des
fachlich zuständigen Ministeriums für Verkehr, Bau- und
Wohnungswesen im Hinblick auf den BVWP 2003 auf eine grobe
Methodenbeschreibung der Projektbewertung, eine Liste der Bauvorhaben
und Investitionsvolumina sowie eine sehr kurze Projektbeschreibung und
-bewertung ohne ausreichende Darstellung des zugrunde liegenden
Datenmaterials. |
||
|
|
||
|
Dem
Projektbewertungsverfahren des BVWP haften erhebliche Mängel an (SRU 2005, Tz. 403 ff.). Sie erhöhen die Gefahr von
Fehleinschätzungen bei der Bewertung der Kosten/ Nutzen-Relation
von Verkehrsprojekten. Dies gilt sowohl im Hinblick auf den
monetären Teil der Projektbewertung in Form der so genannten
Kosten/Nutzen-Analyse als auch den nicht-monetären mit
Raumwirksamkeitsanalyse sowie Umweltrisiko- und
FFH-Verträglichkeitseinschätzung. |
||
|
Siehe
auch oben.
4. Problem: Gibt es überhaupt eine Effizienzkontrolle nach Straßenbau? |
||
|
Bedenkt
man die Vielzahl der raumordnerischen Ziele, erweist sich die
Raumwirkungsanalyse mit diesen selektiven raumordnerischen
Gesichtspunkten als hochgradig anfällig für Fehlbewertungen
und politische Opportunismen (wie „Wahlgeschenke“). |
||
|
|
||
|
Die
Grundprämissen des Bundesverkehrswegeplanes 2003 beruhen auf einem
Wirtschaftswachstum von mehr als 2,5 Prozent pro Jahr, einer
kontinuierlich steigenden Bevölkerung sowie einem ständig
steigenden Einkommen - Annahmen, die praktisch von keinem
wissenschaftlichen Institut mehr geteilt werden. |
||
|
|
||
|
Ein Weiter so mit den alten Argumenten ist daher ökonomischer und ökologischer Wahnsinn. Wir brauchen keine neuen Straßen mehr, sondern sinnvolle Verkehrskonzepte vor allem des öffentlichen Verkehrs, die der demografischen und wirtschaftlichen Entwicklung Rechenschaft tragen. Auch die Projekte im Bundesverkehrswegeplan 2003 für den Bedarf bis 2015 sollten ALLE nochmals auf den Prüfstand, sofern sie noch nicht gebaut wurden. Wir brauchen neben der Banken-Milliardenverschleuderung nicht noch eine Beton-Milliardenverschleuderung, umso mehr, da der Unterhaltungsbedarf der Straßen immens gestiegen ist und bereits jetzt ein erhebliches Unterhaltungsdefizit vorliegt. Die Zukunft erfordert Straßenrückbau, nicht Straßenneubau. |
||