Der Betonwahn der Wasserbauer5. Gibt es wirklich keine Alternativen zu Hochwasserrückhaltebecken?Natürlich gibt es Alternativen. Diese sind jedoch mit Arbeit und Argumentationsaufwandverbunden. Eine einzelne Maßnahme führt auch nicht zum Erfolg, vielmehr mussnachhaltiger Hochwasserschutz eine gesellschaftliche Dimension erhalten, um erfolgreichzu sein. Das Hochwasserereignis 2002 war ein solcher Zeitpunkt, der einenübergreifenden gesellschaftlichen Konsens möglich gemacht hätte, wenn sich diestaatlichen Institutionen und Behörden dazu bekannt hätten.Allein, die Möglichkeit wurde vertan, indem im Zuständigkeitsdickicht der Gewässer 1. und2. Ordnung eine Gesamtbetrachtung und –leitung unmöglich war und das Denken derVerantwortlichen – auf allen Ebenen – allein auf technische Maßnahmen ausgerichtet war.Selbst die zögernden Ansätze nach der Oderflut 1999, die im Nachgang des Ereignissesals dauerhafte Lösung den Flüssen mehr Raum forderten, waren in Sachsen nicht wirklichangekommen. Vielmehr wurden mit Geldern aus dem staatlichenHochwasserschadenbeseitigungsfonds ökologisch wertvolle Aufweitungen,Schotterablagerungen, Altarmanbindungen und Mäandrierungen der Flüsse schnellstenswieder beseitigtUnd auch die aktuell forcierten technischen Lösungen Deicherhöhung, Ufermauern undHochwasserrückhaltebecken bedienen die Philosophie des „weiter so wie bisher“. Selbstdie Festsetzung von Überschwemmungsgebieten, in denen eine Bebauung eigentlichausgeschlossen werden sollte, führt in der Praxis der kommunalen Bauleitplanung immerwieder und immer noch zu "Ausnahme"regelungen, so dass sich das Schadenspotenzialim Überschwemmungsgebiet weiter erhöht – im Glauben, man wäre nach Realisierung der Hochwasserschutzmaßnahmen beim nächsten Mal gut geschützt. Wie schnell der amFluss wohnende Bürger vergisst, zeigen auch die nach der Flut 2002 neu deponiertenAblagerungen wie Komposthaufen, Abfälle, Bretterstapel und Schuppen im eigentlichfreizuhaltenden Uferstreifen. Sie waren es vor allem, die sich im Jahr 2002 bevorzugt beiBrücken und Wehren auftürmten und zu verstärktem Anstau und einer weiteren Erhöhungdes Schadenspotentials in den Siedlungen beitrugen.Ablagerungen im Uferbereich der BobritzschWie sehen die Alternativen zu Hochwasserrückhaltebecken aus?Es gibt zwei Grundregeln – erstens das Wasser in der Fläche zurückhalten und zweitens - den Flüssen und Bächenihren ursprünglichen Raum geben.Ersteres erreicht man durch die Renaturierung der Quellbereiche sowie die konsequente Wiederbewaldung dieser Standorte sowie derHangbereiche mit standortgerechtem Laubwald.Als zweites ist die Herausnahme aller Bachverrohrungen und –verbauungen und die Wiederherstellung der ursprünglichenFließgewässerläufe im Quer- und Längsprofil einschließlich der natürlichen Gewässerrandstreifen erforderlich. Die Senken (Bachtälchen) und Auen sind zusätzlich mit einem standortgerechten Auwald zu bepflanzen.Die Potenziale der Landschaft im Einzugsgebiets der Bobritzsch, für welches das Hochwasserrückhaltebecken Oberbobritzsch geplantwerden soll, zeigt das Luftbild.Darin dargestellt sind alle verrohrten Bachläufe außerhalb der Siedlungen (dunkelblau) und derenQuellbereiche (orange), die sich bevorzugt auf den fast vollständig entwaldeten Hochflächen des Osterzgebirges befinden.Beispiel einer Alternative:Das Renaturierungsprojekt des Naturschutzverbandes Sachsen e.V. in der Bobritzschaue bei Oberbobritzsch (geplanter Standortdes Hochwasserrückhaltebeckens Oberbobritzsch)Der Naturschutzverband Sachsen e.V. hat in diesem Gebiet bisher als einziger Flächeneigentümer großflächig Maßnahmen für denWasserrückhalt umgesetzt. Auf 17 ha wurde in den Jahren 1997/98 auf den Eigentumsflächen des Vereins ein standortgerechter Laubwald im Hangbereich sowie imAuenbereich der Bobritzsch gepflanzt. Weitere 3 ha wurden für 20 Jahre zur Biotopanlage stillgelegt. Im Jahr 1995 konnten einWiesenteich renaturiert und eine ehemalige Feuchtwiese wiedervernässt werden. Im Rahmen seines Renaturierungsprojektes"Bobritzsch" sind weitere Maßnahmen geplant, u.a. auch die Renaturierung eines Teilabschnittes der ausgebauten und begradigtenBobritzsch vor der Ortslage Oberbobritzsch zu einem vielarmigen, mäandernden und strukturreichen Fluss.Es ist eine Ironie der Geschichte, dass genau auf diesen renaturierten Flächen das Hochwasserrückhaltebecken Oberbobritzsch geplantwird. Mit der Realisierung des Beckens würde ein Großteil des gepflanzten Waldes sowie eine mehr als 10jährige ununterbrocheneSukzessionsentwicklung von Auenflächen der Bobritzsch regelrecht "untergehen" bzw. unter dem Aufstandsbereich des Dammesverschwinden.