Der Betonwahn der Wasserbauer1. Hochwasser und Hochwasserschutz - eine kritische AnalyseAuszüge aus aus dem Hintergrunddokument des BUND "Ökologischer Hochwasserschutz", das gesamte Dokument finden Sie hier.Warum gibt es Hochwasser? "Hochwasser ist ein Naturereignis wie ein Sturm. Hochwasser entsteht, wenn besondersergiebige Regenfälle von den Böden nicht oder nicht mehr ausreichend aufgenommen werdenkönnen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn die Erde noch gefroren oder vomvorausgegangenen Regen völlig durchtränkt ist. Im Flusseinzugsgebiet der Alpen spielt dieSchneeschmelze eine Rolle. Dort gibt es Hochwasser eher im Frühsommer. Hochwasser kann aber grundsätzlich zu allen Jahreszeiten auftreten." Fluss und Aue brauchen Hochwasser und Überschwemmung – Menschen brauchen naturnahe Flüsse und Auen"Die Dynamik von Hoch- und Niedrigwasser im Laufe eines Jahres, große Überschwemmungen im Abstand von Jahren oder Jahrzehnten und auch die Jahrhundert-Katastrophen sind alleGrundbedingung und notwendiges Element der Natur von Fluss und Aue in Mitteleuropa.Hochwasser und Überschwemmungen kennzeichnen natürliche und naturnahe Flüsse und ihre Auen. Die Flussauen gehören zu den ökologisch wertvollsten Gebieten in unserer Landschaft. IhreGröße, ihre Besonderheit und ihr Artenreichtum sind von ihrer Überschwemmung durch denFluss abhängig. Die Tiere und Pflanzen der Auen sind an die Dynamik des Wassers angepasst bzw. auf sie angewiesen. Bleibt das Hochwasser aus, werden sie verdrängt und sterbenlangfristig aus. Die Kraft der großen Hochwasser gestaltete die Landschaft, verlagerte den Fluss, ließ neueAltwässer entstehen, schüttete neue Kies-, Sand- oder Schlammbänke auf. Durch diemenschlichen Eingriffe ist diese wichtige Funktion eines Flusses in der Landschaft fast völligverloren gegangen. Viele wichtige Lebensräume in der Aue, wie Kiesbänke und Altwässer,können ohne die Kraft des Flusses nicht mehr neu entstehen und verschwinden. Auch derFluss selber braucht die Dynamik von Hoch- und Niedrigwasser, um seinen Reichtum anLeben zu erhalten. Ohne die zerstörende und gleichzeitig belebende Kraft des Hochwassersverändert sich die Wasserqualität, die Gewässersohle verstopft (Kolmation) und Altwässerwerden nicht mehr ausreichend vom Fluss gespeist. Im Sand und Kies unter der Flusssohleleben viele Gewässerorganismen, Jungtiere von Fischen, Muscheln und Insekten. DasHochwasser spült die Sohle und verhindert, dass feine Sedimente ihren Lebensraumverstopfen.Hochwasser sind für die an die Strömung angepasste Tier- und Pflanzenwelt existenziell. Siebeseitigen Wasserpflanzen und schwemmen neue an, sie schaffen neue Strukturvielfalt,räumen ab und landen an – sie gestalten neues Leben. Das ist die natürliche Dynamik einesFließgewässers." Hausgemachte Schadenskatastrophen"Die Münchener Rückversicherung gibt den Gesamtschaden der großen Hochwasser imRhein-Einzugsgebiet 1993 und 1995 mit 5,5 Milliarden US $ an, davon waren 1,5 MilliardenDollar versichert. Der finanzielle Schaden durch das Sommer-Hochwasser der Oder 1997 warin Deutschland geringer. In Polen und Tschechien gab es jedoch 114 Todesopfer undSachschaden in Höhe von 5 bis 7 Milliarden Euro. Das Pfingst-Hochwasser 1999 richtete inDeutschland, Österreich und der Schweiz einen Schaden von 685 Millionen Euro an. DieseZahlen belegen eindrucksvoll die Gefahren für die Menschen, vor allem aber, welche Wertedurch Überschwemmungen bedroht sind.Sichtbar wird daran auch, dass in gefährlicher Reichweite des Flusses immer mehr Bautenbeschädigt werden.Aus diesen Zahlen ergibt sich, zur Sorge um die Menschen, ein wichtiger Impuls, denHochwasserschutz auch aus wirtschaftlichen Gründen entscheidend zu verbessern. Es gilteinerseits zu vermeiden, dass durch weitere Bebauung in gefährdeten Gebieten dievolkswirtschaftlichen Schäden immer größer werden. Andererseits geben diese Zahlen derPolitik eine klare wirtschaftliche Legitimation - für ökologischen Hochwasserschutz, für dieSicherung von Retentionsraum und Wasserrückhalt – endlich die notwendigen Flächen undMittel zur Verfügung zu stellen. Obwohl die Erfahrung lehrt, dass kein technisches Bauwerk hundertprozentige Sicherheit vorÜberflutung geben kann, wurde auch in den letzten Jahrzehnten in großem Umfang in denFlussauen gebaut. Trotz der Warnungen durch Wasserwirtschaftsbehörden undRaumordnungsplanung lassen Kommunen immer noch Wohn- und Gewerbegebiete inpotenzielle Überflutungsgebiete bauen. In nicht wenigen Fällen fördern sie diese gefährlichePraxis sogar.Ein wesentlicher Teil der Milliardenschäden durch die Hochwasser der 90er Jahre istsprichwörtlich »hausgemacht«. Die Deiche vermitteln eine trügerische Sicherheit und verleitenzum Bauen im gefährdeten Gebiet. Kommt es dann zur Hochwasser-Katastrophe, gibt es oftstaatliche Hilfen und pressewirksame Spendenkampagnen wie beim großen Oder-Hochwasser. Immer wieder wird dann der Ruf nach einem sicheren Hochwasserschutz laut. Die Deichesollten noch höher gebaut, die Flüsse weiter gezähmt werden. Es ist heute allgemein anerkannt, dass der traditionelle, technische Hochwasserschutz anseine Grenzen gestoßen ist. Er kann sogar kontraproduktiv sein, wenn sich die Menschen inSicherheit wiegen und große Werte bzw. wichtige oder gefährliche Anlagen hinter die Deichestellen. Raumordnung und Flächennutzungsplanung sollten sich daher nicht an der Kapazitätvon Deichen, sondern an den ursprünglichen Überflutungsgebieten der Flüsse orientieren." Mit dem Wasser lebenHochwasser 2002 an der Flöha bei Hohenfichte, Landkreis Mittelsachsen: die vor 180 Jahren erbaute Holzbrücke hielt nicht nur dem Hochwasser stand, sondern verursachte auch keinen Aufstau. (Foto 13.8.2002)Hochwasser 2002 an der Flöha bei Flöha, Landkreis Mittelsachsen: Deichüberflutung (Foto 13.8.2002)